Mein Bindungssystem, das Freiheit braucht, um lieben zu können
„Wie mein ambivalentes Bindungsmuster meine Beziehungen beeinflusst“
Meine erste, und auch letzte Beziehung hatte ich mit sechzehn, siebzehn Jahren.
Intensiv, infantil und rosarot – das Spiegelbild meines pubertierenden Selbst. Noch ein Kind, das aber krampfhaft stoisch erwachsen sein wollte…
Also das, was man für einen Teenie wohl der Norm entsprechend bezeichnen würde. Was auch immer die Schublade des „normgerechten“ sein mag.
Ich ging seither keine weitere Beziehung mehr ein, denn um ehrlich zu sein, war meine erste Beziehung unterm Strich etwas toxisch. Eine Erfahrung, die mich stark prägte, sodass ich dem Konzept des klassisch, gesellschaftlich etablierten, monogamen Beziehungsbild abschwor. Ich beschloss, dass das einfach nichts für mich wäre.
Ich besser allein dran wäre.
Zwar hatte ich in der Zwischenzeit zwischenmenschliche Beziehungen zu verschiedenen Männern, – Freundschaft Plus, F**k-Beziehung oder wie auch immer man noch dazu sagen kann – band mich jedoch seither nicht mehr fest an jemanden.
Nicht, weil ich mich nicht mehr verliebte oder ich nicht mehr diese Art Gefühle für jemanden gefühlt hätte. Ich konnte nur einfach nicht. Wollte nicht.
Ich redete mir ab einem gewissen Punkt sogar ein, ich wäre „beziehungsgestört“; wäre nicht für eine Partnerschaft gemacht. Redete mir ein, gerne allein zu sein.
Heute, fast ein Jahrzehnt später, ertappe ich mich immer häufiger dabei, diese Überzeugungen infrage zu stellen. Es hat ein paar Jahre, Männer und Fehlentscheidungen gebraucht; Herzschmerz, Liebeskummer und Verluste, hervorgerufen durch meine fehlende Fähigkeit, Bindungen eingehen zu können.
Doch stehe ich nun hier, in einer irgendwie festen Partnerschaft mit einem Mann, den ich zumindest die meiste Zeit wirklich liebe. Und hinterfrage intensiv, ob ich nicht doch ein Beziehungsmensch wäre, würde ich meine Mauern fallen lassen und mich tatsächlich lieben lassen.
Ich weiß, wie die letzten drei Zeilen für die meisten klingt. Nicht zwingend nach der Grundlage mit der dann ausgerechnet ich eine Beziehung eingehen würde, doch folget dem Text; es wird sich rückwirkend logisch fügen.
Es ist nur eben so, dass ich einfach nicht an das klassische Rollenbild von: „Du bist mein, ich bin dein!“ glaube, und an das Versprechen von Monogamie erst recht nicht.
Wieso?
Nun ja, weil es außer dem Versprechen, das „Hier und Jetzt“ miteinander zu teilen, kein Wort gibt, das länger zu halten wäre. Denn alles, was danach kommt, ist eine Zukunft, die vorherzusehen ja doch nicht möglich ist. Also wieso hören wir nicht auf, so viel heiße Luft zu versprechen, und lassen unsere Taten, unsere Liebe im einzig tatsächlich erlebbaren Versprechen?
Im Sein Jetzt!?
Denn seien wir mal ehrlich: Ich gehöre eben mir. Und du dir. Punkt.
Alles andere ist doch Schwachsinn. Dummgeschwätz. Laber-Palaber…
Ich boykottiere einfach schon aus Prinzip alles, was mir von der Gesellschaft als richtig oder falsch vorgelebt wird. Und dazu gehört eben nun mal auch das Versprechen für eine gemeinsame Zukunft, das nur auf dem Papier gut klingt, in Realität aber meist genau da scheitert, wo es beginnt: bei dem Versuch, Treue damit zu schwören, indem man dem anderen mit süßen Worten Honig ums Maul schmiert.
Fremdgehen, sich trenne oder auseinanderleben ist dadurch ja auch nicht weniger potenziell möglich, oder? Also warum sich nicht einfach jeden Tag aufs Neue füreinander entscheiden, nicht weil man an einen Schwur „gebunden“ ist, sondern weil man sich bewusst, jeden neuen Moment aufs Neue füreinander entscheidet?
Ist das nicht das wahre Ziel?
Ja ich schweife ab…
Jedenfalls gibt es ganz offensichtlich tiefsitzende Gründe, weshalb ich fast ein Jahrzehnt lang Single bin – gewesen bin: Mein dysreguliertes Bindungssystem.
Die Geschichte mit meiner Mutter – Blogeintrag: „Wenn die eigene Mutter eine Fremde ist“ – hat Spuren hinterlassen. Spuren, die bis in mein Jetzt reichen.
Ich bin eben gerne allein, einfach deshalb, weil ich es zu früh, zu oft unfreiwillig gewesen bin. Und Nähe macht mir einfach Angst – nicht Nähe per se, sondern die Vorstellung, dass ich mich emotional abhängig mache von jemandem mache, der diese Macht ebenso leicht missbrauchen könnte, wie Sie es tat.
Ich erlebe, wie mein inneres Kind noch immer zusammengekauert auf den Treppenstufen vor unserem Wohnkomplex sitzt.
Suchend. Wartend. Vergessen.
Erlebe, wie ich in die nach links und rechts wandernden Augen eines Mädchens blicke, dessen Gesicht mir nur zu vertraut erscheint. Dessen Gesicht, das suchend nach ihrer Mutter Ausschau hält. Höre, wie das kleine Herz in ihrer Brust aufflattern, jedes Mal, wenn eine weibliche Silhouette in Sichtweite kommt, nur um schmerzhaft festzustellen, erneut enttäuscht zu werden.
Ich erleb, wie ich meine zierlich kleine, von der Kälte zitternde Hand in meiner, nun erwachsenen halte.
Ich bin noch immer dieses Kind.
Tief im Inneren, dort, wo all die anderen unverarbeiteten Dinge liegen; dort wohnt auch sie. Darauf wartend, heilen zu dürfen.
Sie ist ich. Ich bin sie.
Und das spüre ich in jeder Verbindung, jedem Schritt und jedem stillen Moment.
So auch in meinen Beziehungen – ob familiär, freundschaftlich oder nun wieder in einer Partnerschaft.
Ich spüre ihre Sehnsucht nach Nähe. Aber genauso spüre ich mein erwachsenes Ich, das sich eine Haut so dick wie die eines Elefanten und die Verteidigung einer Löwin zugelegt hat, um in ihrer Einsamkeit zu bestehen. Denn ich war schon immer allein stark. Musste Ich sein...
Also bin ich es geblieben!
Warum also sollte ich jemandem zutritt in mein innerstes gewähren? Nur weil mein inneres Kind sich nach Liebe sehnt?
Diese Liebe gebe ich mir schon selbst. Halte mich selbst. Beschütze mich selbst!
Meine Mauern sind hoch, schwer niederzureißen. Und sobald jemand sie zu schnell erklimmt, zu nah kommt, zu viel Nähe entsteht, geht mein Alarmsystem los.
Ich mache zu.
Werde kalt.
Verschließe mich.
Bin nicht mehr die Liebende Freundin, Tochter oder Partnerin sonder das kleine Mädchen, duckend in ihrer Schutzhaltung. So, dass selbst Ich mich kaum wieder erkenne. So sehr ich es dann auch versuche, ich verliere mich in diesen Phasen gänzlich Selbst.
Zyklisch.
Immer wieder.
Selbes Spiel von Vorne. Noch nen Loop. And Again.
Leere. Kälte. Mein Mehrsein.
Mein Ich sein.
Mein Bindungssystem lässt Nähe zwar zu – aber nur, bis die Nähe sie zu nah wird.
Bis mein Raum, den ich brauche, um atmen zu können, schwindet. Bis mein Ich keinen Platz mehr hat, um Ich zu sein.
Ich klaustrophobisch werde, Platzangst bekomme auch wenn ich mich augenscheinlich frei bewegen kann.
Es ist, als würden sich die Mauern in meinem Kopf zusammenziehen, von allen Seiten auf mich zu kommen – und ich bin mittendrin. Gefangen im eigenen Verstand.
Oft passiert es über Nacht.
Ohne Trigger.
Ohne Anlass.
Nur wegen zu viel Nähe.
In diesen Momenten fühle ich mich, als würde ich stolpern – nur weil eine Umarmung eine Sekunde zu lang war. Und dann falle ich tief. Ungebremst. Bis ich in der schwarzen Dunkelheit meiner Bindungsangst gänzlich verschwinde. Mein Partner, aber auch Freunde und Familie, sie bekommen dann die Auswirkung dessen zu spüren.
Zwei Versionen, die unkontrolliert aufeinander prallen und kollidieren:
Die eine sehnt sich nach Halt – die andere rennt um ihr Leben.
Weg von Einsamkeit, Vernachlässigung; dem Gefühl des Vergessen-Werdens.
Und dann, wie eine Glühbirne deren Drähte durch brennen, geh ich off.
Verschlucke mich Selbst.
Ich lebte – ohne, dass ich es je bewusst wahrgenommen hätte – in einem konstant aktivierten Überlebensmodus. Und falle immer dann in den Modus, wenn ich mit der Nähe meines Umfeldes Überfordert bin. Den Modus den ich als Kind erfand, um mich nicht Selbst zu verlieren auf einer Suche, die bis heute kein Ende fand, denn diese Reise hat kein Ziel.
Es gibt im dem Niemandsland, in dem nie Bindung, Sicherheit und Mutterliebe gedeihen durfte, nichts für mich zu finden.
Liebe kann aber nicht ohne offene, wahre Nähe entstehen.
Nicht wachsen ohne Vertrauen.
Nicht bestehen ohne Hingabe.
Nähe bedeutet nun mal Konfrontation – nicht nur mit dem Gegenüber, sondern vor allem mit sich selbst. Mit all den Dämonen, die bei jeder Interaktion dröhnend gegen meine Schädeldecke hämmern; mich reizen, herausfordern und mich an den Rand meiner Resilienz drängen.
Es ist Arbeit – schwere Arbeit –, Gefühle und Emotionen nicht zu verdrängen, sondern sie zu fühlen und durch sich hindurchfließen zu lassen. Ihren durchbohrenden Blicken, die bis ins Mark dringen, zu begegnen. Denn sie spiegeln einem die bitter süße Wahrheit; all seine nicht geheilten Wunden.
Und es gibt wohl kaum eine härte Herausforderung, als nach all den Jahren mit dem Schauspiel aufzuhören, das man Tag für Tag aufgeführt hat, um zu vergessen, was nicht vergessen, sondern verarbeitet werden wollte; vor allem aber endlich los gelassen werden wollte! Denn das bedeutet es, sich selbst zu begegnen, so nah und roh, bis kein Part der eigenen Seele mehr in der Dunkelheit lebt; sondern man sich als Ganzheit akzeptieren lernt.
Daran arbeite ich nun.
Jeden Tag.
Ein kleines Stück.
Für mich.
Für meine Zukunft.
Und für das kleine Mädchen, dessen Hand ich noch immer halte.