Wenn dir deine Emotionen abgesprochen werden

“Ich lebe mit jemandem zusammen, der mir seit meiner Kindheit meine Gefühle abspricht”

Noch heute, mit 25 Jahren, lebe ich mit meinem Vater unter einem Dach. Und auch wenn wir inzwischen in Harmonie miteinander leben, war das nicht immer so. Unsere Beziehung war lange geprägt von einer Streitkultur, die sich oft aus den banalsten Dingen heraus entzündete. Kleinigkeiten reichten aus. Ein falscher Ton. Ein Moment zur falschen Zeit. Und plötzlich lag etwas Schweres in der Luft.

Ein Blick in seine Mimik reichte aus, um das Blut in meinem System zum Pulsieren zu bringen, mich still in Panik zu versetzen.

Als Kind trug ich ein konstantes Maß an Angst in mir. Keine laute, keine panische – sondern eine leise, dauerhafte, die sich wie eine Gänsehaut in meinem Nacken eingenistet hatte. Eine, die sich wie ein Grundrauschen durch meinen Alltag zog. Die Angst vor dem nächsten Ausbruch. Vor der Wut, die sich an mir, an meiner Mutter, an der Familie entlud – selbst dann, wenn die Ursache ganz woanders lag, fand sie ihr Ventil bei uns.

Ich erinnere mich an Türen, die nicht einfach geschlossen, sondern zugestoßen wurden. An Stimmen, die sich veränderten, noch bevor sie laut wurden. An Finstere Minen, die einen Ausdruck von Aversion in sich trugen.

Mein Körper wusste oft früher als mein Verstand, was gleich passieren würde. Ich hielt den Atem an, wurde still, versuchte unsichtbar zu sein. Duckte mich in die kleine Ecke des Raumes, die lediglich durch einen Vorhang getrennt als meine Privatsphäre dienen sollte, doch die durch den hellen Stoff nur visuell existierte. Denn meine Gedanken waren längst am Kreisen. Schrien längst, wir wären wieder schuld. Wir hätten etwas falsch gemacht und wären wieder die Ursache dieser Stimmung, die sich wie schwarzer Nebel gefährlich an mich heranbahnte.

Ich begann sehr früh mich zu fragen, welche Schuld ich an seiner Stimmung trug. Diese Frage wurde irgendwann zu einem inneren Reflex. Zu einer stillen Überzeugung, dass ich verantwortlich sei für das emotionale Klima im Raum. Bis heute ertappe ich mich dabei, wenn Stimmen im Haus lauter werden, dass ich mich frage, was ich wohl wieder falsch gemacht habe. Selbst jetzt – auch wenn ich längst weiß, dass ich diese Last nicht trage. Und nie hätte tragen müssen.

Doch als Kind habe ich im Stillen geweint. In mich hineingeschluckt. Mich im Schweigen hinterfragt – jeden Tag aufs Neue. Gefühle hatten kein Recht auf Entfaltung. Ich lernte früh, sie nach innen zu verlagern. Tief genug, um nicht zu stören. Tief genug, um es mit meiner emotionalen Reaktion nicht noch schlimmer zu machen.

Mit 13 Jahren entschied ich, das Elternhaus zu verlassen und zu meiner Großmutter zu ziehen. Nicht aus Trotz, vielmehr aus Verzweiflung. Denn ich erkannte: Für mich, für mein Wesen, gab es in diesem Zuhause keinen Raum zur Entfaltung. Hier würde ich weiterhin in dieser Duckhaltung verweilen, in ständiger Sorge, etwas falsch zu machen. Ich wusste, wenn ich bleiben würde, würde mir der Buckel dieser Schuld für immer bleiben.

Denn Zuhause fühlte sich zu oft nicht nach Schutz an, sondern nach Anspannung. Nach hohem Blutdruck und Herzklopfen.

Bei meiner Oma dagegen war es leiser. Weicher. Vorhersehbarer.
Mein Nervensystem durfte zum ersten Mal ein wenig loslassen, durchatmen und die Anspannung fallen lassen.

Jahre vergingen, in denen die Beziehung zu meinem Vater eher ruhte, als dass sie heilte. Wir existierten nebeneinander, mit Abstand, mit unausgesprochenen Dingen zwischen uns. Doch als meine Oma verstarb, zog mein Vater in das Haus meiner Großmutter mit ein, in dem ich zuvor mit ihr allein gelebt hatte. Und mit ihm kehrten alte Muster zurück – fast unbemerkt, fast selbstverständlich.

Der Druck in der Brust war plötzlich wieder da. Dieses bekannte Engegefühl, als würde etwas von innen gegen meine Rippen drücken. Mein Herz reagierte schneller, als ich denken konnte. Türen, die knallten, ließen meinen Körper zusammenzucken. Worte, die nicht mir galten, fühlten sich dennoch wie Kritik an meinem Wesen an. Diese Schimpftiraden fühlten sich für mich an wie das Degradieren meines Seins. Gespräche, in denen ich mich immer wieder in der Rolle des Täters wiederfand – nicht des Kindes, das reagiert, sondern des Problems, der Ursache der Wut meines Vaters.

Als ich begann, meine Stimme nicht länger zu unterdrücken, merkte ich schnell, dass meine Gefühle nicht angenommen wurden. Mir wurde meine Sicht auf die Situation abgesprochen. Stattdessen wurden sie bewertet, relativiert, abgewertet.

Ich sei zu emotional.
Zu empfindlich.
Immer gleich beleidigt.
Wie meine Mutter. Zwilling. Zwei Gesichter, bei dem man nie wisse, was als Nächstes kommt. Schwach.

Damit wurde mir suggeriert, ich sei falsch. Falsch, wenn ich meine Meinung, meine Sichtweise und meine Gefühle offenlege.

Was mir jahrelang entgegengebracht worden war, wurde mir nun vorgeworfen, sobald ich sein Verhalten spiegelte. Heute weiß ich: Oft halten uns Menschen genau das vor, was sie an sich selbst nicht ertragen können. Und ich weiß auch, dass mein Vater im Kern spürte, dass sein Verhalten nicht angemessen war – auch wenn er den Blick nach innen nicht richten konnte.

Ich kenne seine Geschichte. Ich weiß, was er erlebt hat. Ich weiß, wie wenig Raum es in seinem eigenen Leben für Gefühle gab. Und ich erkenne das an.
Aber Verständnis bedeutet nicht, die Relativierung meiner eigenen Gefühlswelt.

Als Kind wusste ich nicht, wie ich meine Angst in Worte fassen sollte. Nicht, wie sehr mein Körper unter dieser Unberechenbarkeit litt. Mein Nervensystem lebte im Dauerzustand der Alarmbereitschaft. Immer bereit, sich zusammenzuziehen, zu ducken, zu schützen.

Heute weiß ich es. Und heute bekommt es den Raum, kommuniziert werden zu dürfen.

Trotzdem falle ich noch immer in alte Muster zurück. Mein Körper reagiert schneller als mein Verstand. Die Brust zieht sich zusammen, als würde sie sich selbst umklammern. Tränen steigen auf, oft ohne Vorwarnung. Man zieht die Schultern hoch, senkt den Blick, wartet ab – bis der Sturm vorüber ist.

Auch wenn ich es heute besser weiß, rational unterscheiden und differenzieren kann, bleibt das Kind in mir in Duckhaltung. Denn all die Gefühle, die früher keinen Platz hatten, dürfen erst jetzt nachhallen. Sie dürfen sich zeigen, dürfen lautlos fließen, dürfen wehtun. Dürfen gefühlt werden.

Ich arbeite weiter an der Beziehung zu meinem Vater. Ich gehe in Gespräche, setze Grenzen, bleibe stehen, auch wenn mein Herz mir dabei bis zum Halse schlägt. Denn die kleine Version von mir lebt noch in mir. Und sie hat Angst. Nicht irrational – sondern erinnernd.

Sie erinnert sich an Gesichter, an Stimmen, an das Gefühl, nicht sicher zu sein. Und sie darf diese Angst haben. Ich nehme sie heute an die Hand, statt sie zu übergehen.

Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – wird es besser.

Die Ausbrüche werden weniger. Die Gespräche ruhiger. Meine alten Konditionierungen lösen sich langsam, Schicht für Schicht.

Mein inneres Kind lernt.
Es wächst.
Und es beginnt zu heilen.

Nicht abrupt.
Nicht perfekt.
Aber ehrlich.

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